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In Syrien fehlt es eigentlich an allem – Interview mit der Berliner Zeitung

Interview mit Aktham Abazid, dem ehemaligen Vorsitzenden von Lien e.V., Berliner Zeitung, 13.08.2012

Das Büro von Aktham Abazid liegt in einer hellen Erdgeschosswohnung in Neukölln. Nach hinten aus dem Fenster blickt er auf alte Bäume, nach vorne auf buntes Treiben: besprühte Fassaden, einen gut besuchten Hähnchengrill oder viele Fahrradfahrer. Abazid, 39, ist Vorsitzender von „Lien – Gemeinsam für ein Freies Syrien“ mit Sitz in Berlin. Bis zum 18. März 2011 war er angestellter Agrarwissenschaftler. Seit an diesem Tag die ersten Zivilisten in Syrien getötet wurden, arbeitet Abazid dafür, seinen Landsleuten in der Heimat zu helfen.

Herr Abazid, was sind die Ziele Ihres Vereins?

Das Ziel ist rein humanitäre Hilfe. Der Bedarf an Lebensmitteln und medizinischer Hilfe ist sehr groß. Die Städte sind zerbombt. Wohnungen, Schulen und Krankhäuser können noch improvisiert werden, aber keine Schlafsäcke, Decken und Kleidung. Es fehlt eigentlich an allem.

Wie organisieren Sie die Hilfe?

Wir sammeln Spenden über das Internet, wir brauchen mindestens 30.000 Euro im Monat, was wir gemäß der Vereinsrichtlinien transparent abrechnen. Wir organisieren Veranstaltungen vor Moscheen und Basare. Wir bekommen viel Zuspruch, besonders jetzt im Ramadan, das ist für Moslems wie die Weihnachtszeit. ’Lien’, unser Vereinsname, bedeutet barmherzig.

Wer sind die Mitglieder?

Wir sind Syrer, die eigentlich alle erst nach dem 18. März vergangenen Jahres aktiv geworden sind. Wir haben vor der Botschaft in Berlin demonstriert, uns so kennengelernt und über Facebook vernetzt. Verbindend waren zwei Ansichten: etwas gegen das Regime unternehmen und die Revolution unterstützen. Darüber hinaus gingen die Ansichten auseinander, das fing bei der Namenssuche an. Wenn das Wort demokratisch nicht im Titel auftaucht, wollten manche schon nicht mehr mitmachen. Wir haben uns schließlich darauf einigen können, dass wir ’gemeinsam für ein freies Syrien’ sind, egal ob politisch rechts oder links gesinnt. Wir bleiben neutral und helfen den Opfern.

Wussten Sie denn, wer wie denkt? Kannten die Syrer sich?

Nein, die Syrer haben sich generell gemieden. Es gab syrische Vereine und die Kirchen, aber die sind eher Regime-neutral. Und es gab viele Spitzel. Die haben uns Aktivisten auch auf den Demonstrationen fotografiert und ihre Informationen direkt nach Syrien geschickt. Dort wurden dann Filme über uns mit Beleidigungen im Internet verbreitet: ‚Seht die Schweine. Hinter denen steckt der Westen. Das ist Abschaum. Dollarknechte.‘

Solche Worte wurden benutzt?

Solche Worte. Dann fingen die Geheimdienste an, unsere Familien zu schikanieren. In meinem Fall sind das meine Mutter und meine kleine Schwester in Daraa, meine Brüder sind geflohen. Mein Onkel wurde zu einer Sicherheitsumfrage meinetwegen eingeladen, wie sich der Geheimdienst ausdrückte. Übrigens gibt es nicht den Geheimdienst, es gibt mehrere Geheimdienste. Diese Einschüchterungsversuche laufen immer noch.

Wem helfen die Spenden?

Witwen und Waisen, die ihren Ernährer verloren haben. Es gibt mehr als 23.000 zivile Opfer in Syrien, 20.000 davon sind Männer, das dokumentieren Menschenrechtsorganisationen. Lassen Sie die Hälfte davon Kinder gehabt haben. Eine Familie hat durchschnittlich drei bis vier Kinder, also kann man von mindestens 20.000 Kindern ausgehen, die ohne Unterstützung sind.

Wie erreicht das Geld die Kinder?

Von dem Geld werden Lebensmittelkörbe gekauft, die von unseren Aktivisten vor Ort nach Bedarf verteilt werden. Wir haben sechs Schwerpunktregionen gewählt: Daraa, Damaskus und Umland, Homs, Hama und Idlib. Für die Kinder gibt es viel zu wenig Hilfe. Unter den Flüchtlingen gibt es ja auch viele Lehrer, aber kaum Raum zum Unterrichten, kein Material. ‚Lien‘ würde gerne viel mehr finanzieren. Hilfreich wäre auch eine zentrale Hilfsstelle für das syrische Volk.

Was hören Sie aus Ihrer Heimat?

Es ist kein Ende der Kämpfe abzusehen, im Gegenteil, es droht noch weiter zu eskalieren. Die Bewohner von Aleppo flüchten zunehmend ins Umland, viele haben die Grenze zur Türkei bereits überquert. Meine Mutter sagt, dass ich draußen aus dem Land bleiben soll.

Das Gespräch führte Annett Heide.

Interview in der Berliner Zeitung